photokina: 26.–29.09.2018 08.–11.05.2019

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Kauflust in einer erweiterten Wirklichkeit

Dank Augmented Reality verschmelzen analoge und digitale Welten. Die datengetriebene Erweiterung der Realität gilt als wegweisende Zukunftstechnologie für viele Unternehmen. Das Zusammenspiel von Software und Hardware ist die zentrale Herausforderung.

Eine Technologie sprengt die Grenzen der Realität: In der Umkleidekabine kombinieren Kunden neue Kleidungsstücke mit Shirts und Hosen aus dem Schrank zuhause – per virtueller Einblendung im Spiegel oder auf dem Smartphone. In der Kosmetikabteilung zeigt eine Fotoapp, ob die Farbe eines Makeups zum Hautton passt. Im Supermarkt blendet das Smartphone Richtungspfeile ein und lenkt anhand des Einkaufszettels durch die Regale. Und im Möbelhaus projizieren Kunden die neue Couch direkt ins eigene Wohnzimmer.

Der Handel entdeckt eine neue datengetriebene Technologie, um Kunden persönlicher und umfangreicher bedienen zu können: Die sogenannte Augmented Reality (AR), eine Erweiterung der Realität, soll dabei helfen, den Einkauf zum Erlebnis zu machen. Das Prinzip: Die Technik ergänzt die analoge Welt anhand von Einblendungen um zusätzliche Informationen – etwa Produktdetails, Empfehlungen oder Sicherheitshinweise. Konkret überlagert AR ein echtes Bild mit virtuellen Darstellungen, deshalb ist häufig die Rede von „Mixed Reality“. Kunden benötigen in der Regel nur ihr Smartphone mit Kamera und die entsprechende App. Aus Sicht der Händler ist das Potenzial groß: Die virtuellen Einblendungen könnten Fehlkäufe und damit Retouren reduzieren. Sie ermöglichen einen spielerischen Kontakt zum Kunden vor Ort, der sich im Idealfall deutlich stärker für Empfehlungen interessiert als im Online-Shop.

Mehr Umsätze, weniger Fehlkäufe

Nicht zufällig gelten Einzelhändler derzeit als Pioniere bei AR-Anwendungen. Allein für den Lebensmittelbereich gehen Studien davon aus, dass AR die Netto-Umsätze pro Jahr um mehr als fünf Milliarden Euro steigern könnte. Zudem legen Umfragen nahe, dass unter Kunden generell eine hohe Bereitschaft besteht, AR zu nutzen: Fast 89 Prozent der Menschen, die die Technologie schon einmal ausprobiert haben, würden erneut darauf zurückgreifen.

Auch andere Branchen tasten sich heran: So kommen in der Logistik bereits spezielle Datenbrillen zum Einsatz, die Lagermitarbeiter bei der Kommissionierung zu den richtigen Regalen lenken. Dort angekommen, zeigt die Brille Informationen zur Ware an, wie beispielsweise Maße der Verpackung, Gewicht und Zielort. Alle wichtigen Daten vor Augen, statt umständlich per Kopfhörer im Ohr oder auf einem separat getragenen Bildschirm: Logistiker sehen AR als Chance, ihre Arbeitsprozesse deutlich effizienter zu steuern.

Lange schon träumen Unternehmen und Hersteller von der Verschmelzung der digitalen und analogen Welt. Heute hat die Technologie wichtige Hürden genommen: Nach aktuellen Schätzungen werden bis Ende des Jahres weltweit 800 Millionen Smartphones im Umlauf sein, deren Betriebssysteme und Prozessoren AR-Anwendungen ermöglichen. Als wichtiges Zugpferd gilt auch der Games-Markt. Der Hype um das Smartphone-Spiel Pokémon Go des US-amerikanischen Entwicklerstudios Niantic hat die AR berühmt gemacht.

Kopfschmerzen statt Kauflust

Dennoch offenbaren sich In der Praxis noch einige Probleme. So sprießen derzeit Zehntausende neuer AR-Apps aus dem Boden – was Kunden im Einzelhandel laut Umfragen eher abschrecken dürfte. In Zukunft müssen Unternehmen eine Antwort auf die Frage finden, inwiefern sich verschiedene Anwendungen in wenigen Apps bündeln lassen. Unternehmen müssen sich dann noch entscheiden, ob sie ihre Produktdaten auf ihr eigenes Programm begrenzen – oder sie auch für übergreifende Shopping-Anwendungen freigeben.

Auch Datenbrillen haben derzeit noch einige Makel, wie aktuelle Pilotversuche zeigen. Die Visualisierung verursacht nach einiger Zeit Kopfschmerzen, außerdem wiegen manche Brillen noch zu viel und sitzen unbequem. Dabei liegt hier die Zukunft: Experten gehen davon aus, dass AR-Anwendungen künftig vor allem auf Brillen oder Kontaktlinsen laufen werden, damit Nutzer die Hände frei haben. Wann der Durchbruch kommt, entscheidet damit maßgeblich der Fortschritt der Hardware.